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Was denke ich zum Thema Autismus?

Offen gestanden habe ich schon ein Problem mit dem Begriff an für sich. Der Begriff Autismus beinhaltet schon in seiner Ausprägung den Anschein des Krankhaften und Gestörten. Die häufige Verwendung dieses Begriffs führt so in meinen Augen zu der stark verbreiteten Meinung es handle sich um eine Störungskrankheit, die irgendwie also auch behandelt werden könne, müsste. Angesichts der Leiden, die durch verschiedenste Therapien(ABA- und ich hielt den Behaviorismus für eine überwundene Ideologie) und skurrile Behandlungsmethoden(MMS- Industriebleichmittel, die anal in den Darm gespritzt werden und dort schwere Verätzungen verursachen) der längeren und jüngsten Vergangenheit verursacht worden sind, oftmals bei Kindern, welche das Unrecht unmittelbar der Selbstsucht ihrer Eltern zu verdanken haben und dem wehrlos ausgesetzt sind, sehe ich mich dazu veranlasst, solchen Ansätzen jeden Raum der Diskussion zu nehmen. Das muss schon beim Begriff anfangen. Ich möchte nicht von Autismus, sondern viel lieber von autistischen Menschen reden. Hier möchte ich nochmals hervorheben, es ist von Menschen die Rede.

Autistische Menschen.

Autisten oder autistische Menschen sind viel unterschiedlicher als man oft glauben möchte. Nicht einer lässt sich so schildern wie der andere. Und ist es nicht so? Leben wir nicht alle in unserer eigenen Welt? Dies lässt sich nicht auf Autisten beschränken. Was lässt sich also sagen? Es lässt sich eigentlich nur folgendes feststellen: Autistische Menschen nehmen ihre Umwelt anders wahr, entwickeln hierdurch andere psychische und physische Bedürfnisse, die aber im Kern nur marginal von denen der restlichen Weltbevölkerung in der Regel abweichen. Ergo, autistische Menschen werden mit einem anderen Körper geboren, als die meisten anderen Menschen, der anders veranlagt ist und eine andere Entwicklung vorhersehen lässt, als dies bei Menschen mit einem nicht autistischen Körper der Fall sein sollte. Insofern lässt sich schon alleine über die Diagnose, welche ja von einer „tiefgreifenden Entwicklungsstörung“ redet, trefflich streiten. Wie kann es eine Störung bei einer Entwicklung geben, die so nie vorgesehen war? Es ist also eher abzuraten autistische Menschen gleich als Gestörte hinzustellen, allerdings will das nicht heißen, dass sie durch ihre angeborenen Veranlagungen, abweichende Wahrnehmung und Kommunikation nicht mit Schwierigkeiten und Hindernissen zu kämpfen hätten, die man selbst in den für manchen Experten „harmlosen Fällen“ als schwerwiegende Behinderung klassifizieren muss. Ihnen muss Hilfe und Unterstützung im Alltag zugesichert werden, so wie allen anderen Behinderten in unserer Gesellschaft auch.

Es gibt autistische Menschen, die die gängigen Klischees erfüllen. Sie sitzen für den äußeren Betrachter den ganzen Tag rum, wippen etwas vor sich hin und sprechen nicht. Diese Menschen gibt es, ganz ohne Zweifel, und sie brauchen Hilfe und Verständnis. Jedoch muss auch verstanden werden, dass es genauso autistische Menschen gibt, die Sie niemals so direkt als solche erkennen würden. Vielleicht ist ja Ihr Arbeitskollege oder Ihre Kollegin autistisch und Sie ahnen das nicht mal, weil diese Menschen sich sehr gut verstellen können. Gesetz diesen Falls: das wäre für Ihre Kollegen nicht gut. Wollen Sie auch in einer Gesellschaft leben, wo Sie sich ständig genötigt sehen würden, sich selbst immerzu verleugnen zu müssen, in der Angst vor Diskriminierung und Ausgrenzung? Und damit ist nicht bloß eine Denkart gemeint. Stellen Sie sich vor, Sie müssten jedes Wort, jede Handlung und Bewegung Ihres Körpers kontrollieren. Was denken Sie? Richtig, ihr Umfeld macht Sie in diesem Moment krank. Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass es auf dieser Welt Menschen gibt, die halt ein wenig anders sind als Sie. Auch „gemäßigte“ Autisten benötigen dieses Verständnis dringend.

Auch mag es stimmen, dass es autistische Menschen gibt, die wunderbar im Alltag zurechtkommen und keine Hilfe, im weitesten Sinne brauchen. Deswegen sind diese Menschen jedoch nicht „geheilt“ oder weniger autistisch. Auch diese Menschen sind darauf angewiesen so akzeptiert zu werden, wie sie sind, um einvernehmlich an dieser Gesellschaft partizipieren zu können. Es erscheint mir bitter, dass die meisten autistischen Menschen erst durch ihr Umfeld zu Behinderten werden und nicht umgekehrt.

Das Anderssein.

Wie drückt sich dieses Anderssein nun im häufigsten Fall aus? Zunächst treffen alle bekannten Beobachtungen nie immer für alle autistischen Menschen zu und unterscheiden sich selbst hier sehr stark. Je nachdem wie die Wahrnehmungsorgane ausgeprägt sind, werden verschiedene Sinneseindrücke anders oder sehr viel anders wahrgenommen und müssen somit auch anders verarbeitet werden. Farben können viel greller oder heller erscheinen. Sehr stark verbreitet ist eine hohe Lichtempfindlichkeit, besonders bei reflektiertem Sonnenlicht oder Kerzenschein. Es können mit den Ohren des Öfteren noch Frequenzen aufgenommen werden, welche von den meisten Menschen nicht mehr gehört werden und der Tastsinn ist sensibel ausgeprägt, so dass Berührungen ganz anders erlebt werden können, als sich das viele Menschen vorstellen mögen. Auch der Geruchsinn kann in so manchen Fällen die Norm weit übersteigen. Mit ein wenig Phantasie kann man sich sicherlich vorstellen, weshalb diese Menschen Parfümabteilungen lieber meiden. All diese Sinne dringen ungefiltert auf autistische Menschen ein und können ihnen je nach Intensität mächtig zusetzen. Wenn ein Autist lieber alleine im Büro sitzen will, statt im Aufenthaltsraum, muss das nicht heißen, dass er mit den anderen nichts zu tun haben möchte. Nur strengen die anderen ihn vielleicht zu sehr an und so geht es ihm besser; so kann er auch seine Pause genießen. Ertragen Sie es, wenn sich jemand bewusst aus der sozialen Gruppe ausklingt. Dieser Mensch muss das gar nicht böse meinen, sondern hat vielleicht einen guten Grund dafür. Hier beginnt die Akzeptanz, die ich bereits oben eingefordert habe.

Oft mache ich die Beobachtung, dass sich die meisten Menschen gar nicht vorstellen können, wie es ist die Sinneseindrücke, die auf einen einprasseln nicht filtern zu können. Das erscheint den meisten Menschen so selbstverständlich absurd, dass sie es als Voraussetzung betrachten, wenn sie die Wahrnehmung eines anderen Menschen beurteilen. So muss ich feststellen, dass ich im Gegenzug mir nicht vorstellen kann, wie es ist, wenn man diese Eindrücke wirklich filtern könnte. Ich denke dieser Ansatz hilft hoffentlich nachzuvollziehen wie anstrengend es für manch einen auch „gemäßigten“ autistischen Menschen sein kann einfach mal nur einkaufen zu gehen (Reklame, Gerüche, viele Menschen, viel Gerede, Verkehrslärm usw.). Ich kenne keinen autistischen Menschen, der sich nicht mindestens einmal am Tag an einen ruhigen Ort allein zurückziehen muss, um sich dort wieder etwas zu erholen und zu entspannen. Diese Rückzugsorte gehören in meinen Augen genauso in den öffentlichen Raum wie Fahrstühle und Rolltreppen.

Andere Bedürfnisse lassen auch andere Ausdrucksweisen entstehen. Autistische Menschen gehen oft sehr eigene Wege, haben einen völlig eigenen Kleidungstil und sind viel mehr sie selbst, da die Gruppendynamiken, wie etwa der Gruppenzwang nicht immer auf ähnliche Weise auf sie wirken, wie auf Nicht-autistischen Menschen. Hier haben vor allem autistische Jugendliche Schwierigkeiten in ihrer Peer-Group, weil sie nicht nachvollziehen können, warum sie sich jetzt wie alle anziehen sollen, zumal ihnen die vorgeschriebenen Klamotten nicht gefallen. In der Regel wird es ihnen auch nicht erklärt oder sinnvoll verständlich gemacht. Es wird gleich ausgegrenzt. Je nach Umfeld kann sich dieses Problem auch bis in das hohe Alter hinziehen. Denn es bleibt nicht nur bei den Klamotten, sondern auch Ansichten. Und wenn alle um ihn herum einer bestimmten Meinung sind, wird sich der autistische Mensch kaum verbiegen lassen können, einfach weil er nicht anders kann und es endet so, wie er es seit der Schulzeit kennt.

Um die vielen Eindrücke künstlich zu filtern, entwickeln die meisten autistischen Menschen eine Hand voll Interessen. Hierbei kann es sich um ein einziges Interesse handeln oder aber um mehrere Interessen, die sich im Laufe der Jahre abwechseln oder ergänzen können. In diesen Interessen, denen sie hingebungsvoll nachgehen, können autistische Menschen eine herausragende Expertise entfalten. Von Sammlungen bis hin zur Entwicklung hervorstechender wissenschaftlicher Fragestellungen lässt sich alles im Spektrum erfassen. Ein herausragender Schatz und eine wichtige geistige Leistung, die diese Menschen als geistig-kulturelle Ressourcen für diese Gesellschaft erarbeiten und kommentarlos zur Verfügung stellen. Das gehört an dieser Stelle auch einmal ausdrücklich gewürdigt.

Durch die intensive Beschäftigung mit einen oder wenigen Interessen wird die Aufmerksamkeit kanalisiert und man erlebt den Alltag ein wenig erträglicher. So erklären sich auch die vielen Gewohnheiten oder Gewohnheitsketten, die von den meisten autistischen Menschen bekannt sind. Es mag aber durchaus Autisten geben, bei denen diese Verhaltensmuster nur sehr rudimentär vorhanden sind, diese aber durchaus auch, allerdings viel flexibler pflegen. Was von manchen Medien und Forschern als Verkettung von Zwängen geschildert wird, wird ebenso zu Recht von vielen autistischen Menschen sprachlos kommentiert, weil sie sich in diesen Schilderungen nicht wiederfinden, da sie ihre Gewohnheiten nicht als Zwänge verstehen. Muss ein Mensch einem Waschzwang nachgehen, so kann sich dieser Mensch die Hände wund schrubben, kann sich dabei in Tränen ergießen, aber er muss es tun, weil ihn der Zwang dazu zwingt. Autistische Menschen kann es auch extrem stören, wenn ihre Gewohnheitsketten unterbrochen werden, aber das liegt meist daran, dass sie sich nun wieder sammeln müssen, den Tag neu strukturieren und eine neue Kette aufbauen. Hier muss eines deutlich gesehen werden: Wenn alle Eindrücke ungefiltert auf einen Menschen einprasseln, müssen diese oder zumindest der Tagesverlauf nach Möglichkeit künstlich von diesem Menschen selber gefiltert werden. Wer aus dieser natürlichen Reaktion auf die Umwelt gleich eine verallgemeinerte Zwangsstörung bastelt, der kann auch gleich das Atmen als Zwangsstörung klassifizieren. Sicherlich mag es auch unter autistischen Menschen echte Zwangsstörungen geben. Diese sind dann aber auch deutlich zu erkennen und bitte von den üblichen Gewohnheitsketten zu unterscheiden. Bitte unterbrechen Sie nach Möglichkeit niemals mutwillig die Gewohnheitsketten eines autistischen Menschen. Diese Ketten haben oftmals nichts mit den Ihnen bekannten Terminplanungen gemein, sondern sind wichtige rote Fäden im Alltag dieser Menschen.

Wo das Verständnis seine Grenzen hat.

Nicht immer ist mit Verständnis zu begegnen. Das soll ganz ausdrücklich hier nochmals betont werden. Es gibt asozial gestörte Menschen unter nicht-autistischen wie auch autistischen Menschen, was nicht von ihrem Grundzustand abhängig ist. Wenn ein nicht-autistischer Mensch durchdreht, kommt nie jemand auf die Idee das seiner „Normalität“ zuzuschreiben. Auch bei einem Blinden würde niemand auf seine Blindheit zurückführen, weshalb er durchgedreht ist. Autistische Menschen sehen sich allerdings in solchen Fällen in eine Ecke gedrängt, weil man ihren Zustand nicht als ihren „Normalzustand“ anerkennen will und somit auch alle zurecht als „Abnormal“ zu benennende Personen, die zufällig auch einen autistischen Grundzustand haben mit diesen und ihren Taten direkt in Verbindung bringt. Das ist in jedem Fall eine Frage des Einzelfalls, nie einer ganzen Gruppe extrem unterschiedlicher Individuen, die unter Generalverdacht gestellt wird. Ein Problem, womit jede negativ betrachtete Minderheit zu kämpfen hat.

Autisten und Nicht-Autisten.

Nun möchte ich noch auf einen Punkt kommen, der mich schon immer sprachlos stutzig werden ließ. Die Kommunikation von autistischen und nicht-autistischen Menschen, bzw. die Betrachtung und Haltung, welche hierbei von nicht-autistischen Menschen eingenommen wird. Wahrhaftig ist es fein beobachtet, dass autistische Menschen Probleme dabei haben kommunikativ Gefühle bei nicht-autistischen Menschen zu erkennen oder selber so auszusenden, dass sie nicht-autistische Menschen erkennen könnten. Dies wurde und wird immer als das große Handicap von autistischen Menschen ausgemacht. Dies ist jedoch zu kurz gedacht. Hier ist von einem gegenseitigen Kommunikationsproblem zu reden. Die autistische Seite hat ihre eigene Art sich auszudrücken und die nicht-autistische Seite hat ihre Kommunikationsformen. So drängt sich mir der Verdacht auf, dass wir hier einem doppelten Missverständnis aufsitzen. Sehr wohl haben autistische Menschen ihre Art Emotionen auszudrücken. Wenn dies von der nicht-autistischen Seite nicht verstanden werden kann, ist das in erster Linie nicht ihr Problem und umgekehrt lässt sich das genauso sehen. Alleine die Situation allgemein zu begreifen in der sich sehr wahrscheinlich beide Gruppen befinden, wäre schon ein großer Schritt nach vorn. Diese Betrachtung lässt auch auf die Forschung im Einzelnen Zweifel aufkommen. Ich bin Akademiker und für mich gibt es keine wissenschaftliche Frage, die sich nicht anfechten ließe. Sollte je nachgewiesen werden können, dass autistische Menschen untereinander eine eigene Kommunikationsform pflegen, wäre sogleich der Nachweis erbracht, dass der eine oder andere Forscher bei seinen „äußeren Beobachtungen“, meist im behavioristischen Geiste, wie ein Blinder von der Farbe spricht.

Nun möchte ich schließen. Eigentlich mag ich nicht so ausführlich darüber sinnieren, aber es scheint zu Weilen doch erforderlich zu sein. Ich bin Autist und nicht zu heilen. Wenn Sie mich heilen wollen, müssen Sie mich schon hinrichten. Ich habe mich immer als Mensch begriffen, es wäre sehr entgegenkommend, wenn Sie mich auch so behandeln würden. Das Autistische in mir bin ich und ich bin das Autistische in meiner Persönlichkeit. Wir reden also hier von einer Grundlage. Würden Sie sich nicht auch etwas bescheuert vorkommen, wenn Sie ständig davon schreiben müssten, wie Sie sich als Neuro-Typischer im Kontext Ihrer Umwelt fühlen und verhalten im Gegenüber zu den autistischen Menschen? Ja? Sehen Sie, dann verstehen wir uns.

An dieser Stelle möchte ich noch auf die Aktion „Wir sind Autismus“ aufmerksam machen; auch das Beitragsbild entstammt dieser Quelle. Eine Kritik an den Verein Autismus Deutschland eV, der gerne über Autisten spricht, aber nicht mit ihnen. Auch ich werde mich nicht entmündigen lassen und kann ziemlich genau schildern, was ich über das Thema denke.


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2 Kommentare

  1. rosi sagt

    Dein Artikel gefällt mir sehr gut. Ich hoffe das dadurch autistische Menschen besser verstanden werden.

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