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Und dann war es still

stiile2

Seit dem vergangenen Dienstag überschattete der Absturz des Flugs 4U 9525 alles. Zwei Tage lang kann man fast davon sprechen, dass es keine andere Berichterstattung gab, als über den Absturz. Jeder konnte sich ausführlich darüber informieren lassen, was geschehen ist, wo es geschehen ist, wie es vielleicht geschehen ist, wer betroffen ist, wer betroffen zu sein hat und wer aus Politik und Prominenz sich betroffen zeigte. Jeder durfte davon Zeuge werden, auch wenn er gar nicht wollte.

Warum?

Nein, nicht warum dieses Unglück sich ereignet hat. Darauf kann kein Gott eine endgültige Antwort finden.

Warum habt ihr das getan und warum macht ihr das?

Diese Frage ist an alle beteiligten Medienvertreter gerichtet. Euren Auftrag die Öffentlichkeit über das Unglück zu informieren wäre Genüge getan gewesen, hättet ihr in kurzen Berichten erwähnt, dass der Flug von Barcelona nach Düsseldorf über die Alpen abgestürzt ist, wie viele Opfer es wohl gegeben haben könnte, dann hätten noch ein paar Politiker meinetwegen ihrer immerzu fragwürdigen Betroffenheit kurz vor den Kameras Ausdruck verleihen dürfen und das wäre es gewesen; der Rest die Privatsache der Hinterbliebenen.

 

Und dann war es still? Wo war es still? Wo herrschte Stille? Wo war die Würde, die man den Opfern und den Hinterbliebenen zollen muss?

 

Mehr als ein stummes Kopfschütteln kann nicht die Ignoranz und Hysterie kommentieren, die sich in den letzten Tagen in völlig übertriebener Manie ereignet hat. Live-Schalten und Brennpunkte mit so viel Informationsgehalt, wie er auch in drei Sätze hätte stehen können. Live-Schalten in die Bergdörfer, Paris, Berlin, Barcelona, Madrid und auch nach Haltern. Verordnete Trauer und Traurigkeit in den Sendeanstalten und der Politik. Interview und Befragungen von Experten, die nur zur Farce werden konnten. Spekulationen mit heißer Luft schon in den ersten Stunden. Beeindruckend ernüchterndes Zeugnis einer Medienlandschaft, die sich schon lange nur noch um sich selber dreht, statt um die Welt, über die sie zu berichten vorgibt.

 

Stille?

 

Wo war die rote Linie in Haltern? Wo waren eure Herzen, die doch so von Mitgefühl beseelt waren? Besteht Mitgefühl darin weinende Kinder gnadenlos abzulichten und ihnen die Ruhe und Würde zu nehmen, still und unter sich um ihre Freunde und Mitschüler zu trauern oder ist das nur eine andere Art Anteilnahme auszudrücken? Wo wärt ihr gewesen, wenn die Polizei nicht vor Ort gewesen wäre und die rote Linie am Rand des Schulgeländes gezogen hätte? Direkt bei den Kerzen, damit ihr auch Nahaufnahmen von den verweinten Augen schießen könnt? Wo wärt ihr gewesen, wenn die Polizei plötzlich weg gewesen wär, hättet ihr dann auch weiter Respekt vor den Freunden und Hinterbliebenen geheuchelt, oder, hättet ihr aus lauter Anteilnahme das Schulgelände gestürmt um exklusive Interview zu ergattern?

 

Da war kein Respekt oder Mitgefühl. Kann ein Stalker wirklich mit seinen beobachteten Objekten mitfühlen? Ich fürchte nicht.

 

Wer nicht Zeuge der Zeugnisse einer Medienlandschaft werden wollte, die sich am Leid der Hinterbliebenen und Freunden der Opfer aufgeilt, blieb am Ende nur alles abzuschalten, was abzuschalten ging. Fernsehen, Radio und das meiden aller Webseiten, die besagte „Informationen“ verbreiteten. Wer wirklich mit den Opfern mitfühlte, wird das auch irgendwann getan haben. Auch die Hinterbliebenen und Freunde der Opfer sind Opfer; Opfer in mehrerer Hinsicht. Wer Respekt und Mitgefühl mit diesen Menschen, mit diesen Kindern auf dem Schulhof empfand; für diejenigen konnte diese Art der Berichterstattung nur allzu unerträglich gewesen sein. Da blieb nur noch das Abschalten.

 

Es gab aber nicht nur Menschen, die jene Berichterstattung störte. Perfide erscheint mir auch die Taktik jede Kritik der Berichterstattung gleich als Gefühlskälte, Mangel an Empathie und derber Ignoranz darzustellen. Zu schämen habe man sich, stelle man nur den Versuch an das Unglück zu relativieren und runterzuspielen. Ein Mitfühlmensch ist man heutzutage wohl nur noch, wenn man gleich mit allen in Hysterie verfällt und sich seinem Voyeurismus frönt. Das nennen wir heute glaube ich kollektive Trauer oder die Trauer des Kollektivs.

 

Hier sei die Frage gestellt: Was stimmt mit euch nicht? Müsst ihr das alles sehen? Warum müsst ihr das alles sehen? Warum wollt ihr das alles sehen?

Wer bewusst nicht abschaltete, der konnte es nur nicht besser wissen, glaubte noch endlich auf neue Informationen hoffen zu dürfen oder hatte schlicht sein eigenes Bedürfnis, seinen voyeuristischen Fetisch, befriedigt. Vielleicht seid ihr geil auf das Leben anderer und Ereignisse. Vielleicht nehmen euch solche Berichte einen Moment der Leere aus euren Leben, aber das ist nicht euer Leben; das sind die Leben der Anderen und die gehen euch nichts an. Zu glauben kollektiv trauern zu müssen, wenn die Presse sagt um wen. Das hat nichts mit Trauer zu tun. Hier wird ein bedeutsames Wort missbraucht. Schämen müssen sich die Menschen nicht, die in diesen Tagen sagen, dass sie nicht traurig sein können. Warum auch? Fragen müssen sich die Menschen, was sie eigentlich tun, wenn sie sich einfach ohne Kritik Trauer verordnen lassen und damit zu rechtfertigen glauben, dass andere nicht in Frieden trauern dürfen.

 

Jeden Tag sterben Menschen durch Krankheit, Krieg und Katastrophen. Nun wäre dies kein Gipfel der Erkenntnis, hätte es nicht den Anschein, dass unsere Medienlandschaft vergessen hat, worüber sie sonst so tagtäglich berichtet. Am 20. März ereignete sich ein Anschlag in Sanaa, wo ähnlich viele Menschen zu Tode kamen. Das blieb in jenen Tagen fast nur eine Fußnote in der Berichterstattung. Kriege gehen weiter, Krankheiten raffen weiter, Unfälle passieren weiter, das Sterben geht weiter. Und wer hält das Leben schon für einen Ponyhof? Mit Schmerz und Ängsten umgehen zu lernen, bedeutet erwachsen zu werden, aber bitte nicht in kollektiver Anonymität.

 

Abschalten bedeutet jedoch nicht wegsehen.

 

Es ist eine Tragödie und eine Katastrophe für die Angehörigen und Freunden der Opfer, jenen Menschen, denen wirklich Leid widerfahren ist. Da braucht es keine Worte mehr. Mitgefühl mit Menschen in dieser Lage drückt sich durch Stille aus.

Ruhe und Stille; Zeit zu trauern mit Menschen mit denen sie trauern wollen.

 

Ich kann mit diesen Menschen nicht trauern, weil ich nicht betroffen bin, aber ich drücke ihnen mein Mitgefühl aus, indem ich sie in Ruhe lasse, keine Fragen stelle, keine Fotos schieße, keine Kamera drauf halte, nichts sehen will, was sie in ihrer Privatsphäre verletzen könnte.

 

Nichts als Stille.

Ich persönlich gebe ihnen die Würde und den Raum, still und in Ruhe zu trauern und zu verstehen.

So stecke ich eine Kerze an und schweige.

2 Kommentare

  1. Iris sagt

    Ja ich sehe dass genauso und trotzdem hatte ich hin und wieder ein schlechtes Gewissen wenn ich den Fernseher ausgeschaltet habe, weil ich gewisse Dinge einfach nicht mehr sehen wollte.

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