Gedanken
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Ein Gespräch über das Schreiben

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Allein wandert Ich irgendwo im Nirgendwo daher und sehnt sich nach dem Geruch des Meeres, nach dem schäumenden Aufprall von Wellen, nach Wasser, nach etwas Lebendigen, doch hier gibt es nichts. Nur nichts. Kein Wind, kein echtes Licht. Knarrend läuft Ich über die alte Bühne im geschlossenen Raum, über die schon so viele zuvor gelaufen sind und bleibt stehen. Ein Blick in den Zuschauerraum reicht, es gibt ihn nicht. Ex machina fährt eine Wand hinter Ich herunter und bildet aus dem leeren Nichts einen neuen Hintergrund. Zu sehen ist da ein Deich, wogegen schäumend das Meer schlägt. Und wahrhaftig, das Bild bewegt sich. Das muss eine Leinwand sein, auf der ein Film abgespielt wird. In der Ferne rattert eine Kamera. Schon setzt plötzlich das Rauschen der Wellen ein. Ein O-Ton wird immer und immer wieder abgespielt. Irgendwo her strömt ein salzig kühler Duft in den Raum. Sehr schön, so ist das gleich viel angenehmer. Neben Ich fährt eine Bank aus dem Boden, die so ausgerichtet ist, dass sie eine schöne Aussicht auf die Leinwand bietet. Warum nicht gleich so. Ich setzt sich und schaut auf die schäumenden Wellen. Kaum hat Ich sich zurückgelehnt, steht neben der Bank aus dem Boden rechts eine zweite Bank, wo Ich sitzt und auf die schäumenden Wellen starrt. Beide sehen sich nicht an und starren weiter gelassen ruhig auf die künstlichen Wellen.

»So sieht man sich wieder.«

»Ja, scheint so.«

»Mal wieder hier.«

»Wie immer.«

»Ja.«

Beide schweigen eine Weile und lauschen nur dem künstlichen O-Ton im Raum.

»Im Nirgendwo komm ich immer in Gedanken.«

»Ich weiß.«

Wieder setzt längeres Schweigen ein, bis Ich leicht schmunzeln muss.

»Warum schreiben wir eigentlich?«

Ich dreht sich leicht zur Seite und lächelt Ich an.

»Dass du jetzt diese Frage stellen musst.«

»Genau betrachtet ist Schreiben bloß Schreiben und nichts weiter. Das Verketten und Verknoten eines Codes, eines Zeichensystems, bestehend aus Zeichensystemen, die wir mal irgendwann außerhalb des Nirgendwo erlernt haben.«

»Ja, eine alte Kulturtechnik, so alt wie dieser Ort.«

Der Takt der Wellen bleibt gleich und der Film spult immer weiter fort die gleichen Wellen, selbst das Salz riecht gleich.

»Schreiben, das ist ein Handwerk. Sind wir Handwerker? Vergleiche das Schreiben mit dem Handwerk. Mit dem Knüpfen eines Wandteppichs. Stück für Stück setzen wir die einfachen Bausteine der Sprache zusammen, bis sie das gewünschte Ergebnis ergeben. Verstehst du? Schreiben als Schreiben von Jedermann. Schreibe einen Brief, schreibe einen Bericht, schreibe auf Bestellung, auf Auftrag. Als rein mediales Werkzeug. Wir…«

Der Blick des schweigenden Ichs funkelt ernst.

»Zu einfach.«

»Wie?«, Ich dreht sich zu Ich.

»Zu einfach, viel zu einfach. Du beschreibst das Schreiben von Jedermann. Schreibe auf, was Jedermann schreiben soll. Wir sollen aber nichts schreiben und schreiben dennoch. Das ist nicht das Schreiben von Jedermann. Jedermanns Schreiben ist das mechanische Schreiben. Dieses Schreiben braucht Jedermann nicht. Wir schreiben, weil wir wollen; das ist unser Schreiben.«

Ich muss seufzen.

»Schon, aber ist unserer Schreiben nicht doch etwas mechanisch geblieben? Hat es sich nicht im Kern als Handwerk bewahrt?“

Eine Pfeife fährt an unsichtbaren Fäden neben Ich hinab. Es greift ganz selbstverständlich danach, steckt sie sich in den Mund, zieht ruhig daran, um dann lauter bunte Seifenblasen auszustoßen, die langsam zerplatzen.

»Im Kern; im Kern steht eigentlich eine andere Frage. Du hast wieder an das leere weiße Blatt gedacht, oder?«

Ich muss zustimmend nicken.

»Ganz recht, darum sind wir jetzt hier.«

Seifenblasen zerplatzen.

»Nun, unserer Schreiben ist eben nicht rein mechanisch, sonst wäre dieses weiße Blatt längst gefüllt, nicht wahr?«

»Da muss ich dir Recht geben. Ein Handwerker hat seine Formvorlagen, aber wir…«

»Müssen erst noch zu unserer Form finden.«

»Genau.«

Ich zieht noch einmal kräftig an der Pfeife und lässt lauter Blasen schweben. Währenddessen sitzt Ich nur da und schaut in tiefen Gedanken versunken auf die künstlichen Wellen. Aus dem Boden fährt eine Tasse, in der ein leicht mit Milch und Zucker gemischter Kaffee dampft. Gar nicht mehr so heiß; so geht es schon deutlich besser. Ich nippt an der Tasse und zieht seine Denkfalten zusammen.

»Sprich es doch einfach aus.«

»Es ist noch nicht zu Ende gedacht.«

»Wir sind unter uns, los raus damit.«

Ich holt einmal tief Luft.

»Unser Schreiben ist weit mehr als das bloße Handeln. Wir erschaffen Handlung. Was wir schreiben ist Literatur, doch was ist dann Literatur und was sind wir?«

»Das ist die Kunst zu Schreiben.«

»Unser Schreiben ist Kunst; wir sind Künstler?«

Zwischen den beiden Bänken fährt eine alte Straßenlaterne aus dem Boden und fängt zu leuchten an. Ich zieht nochmals an seine Seifenblasenpfeife, greift neben sich nach einer drei Jahren alten Zeitung und fängt an darin zu blättern.

»Na endlich, das wurde auch Zeit. Hier steht ein interessanter Artikel darüber, was Literatur leisten kann.«

Ich macht halb in Gedanken eine gleichgültige Geste.

»Dann trag doch vor.«

»Wie du wünscht:

Literatur ist Erzählung, eine Erzählung die zunächst nichts anderes muss als zu sein. Sein als das Dasein in der Welt als geschriebenes Kunstwerk. Doch damit nicht genug hat doch jede ihrer Gattungen eine ganz eigene Funktion auf die jetzt gar nicht im Einzelnen eingegangen werden will. Was aber will Literatur genau? In erster Linie will sie gefallen oder gerade das nicht. Gefallen kann auch als unterhaltsam verstanden werden. Welches Buch, welches Gedicht oder Stück will seinen Leser oder Betrachter nicht unterhalten? Selbst, wenn Literatur ganz bewusst nicht unterhalten will, so unterhält sie doch. Dies leistet Literatur immerzu durch ihr Dasein. Darüber kann Literatur in seinen Rezipienten vordringen und seine Emotionen erfassen. Es besteht die Kunst darin den Leser zu ergreifen und zu bewegen. Sinn und Zweck liegen dabei im Kunstwerk selber und können nicht allgemein besprochen werden. Und über das Bewegen hinaus kann ich als Leser noch mehr aus einen geschriebenen Kunstwerk mitnehmen. Eine Erkenntnis. Dies rührt daher, dass eine Erzählung ein Fenster zu einer anderen fiktiven Realität bietet, die reflexiv zu meiner eigenen steht. Hierdurch kann ich als der Leser oder Zuschauer meine eigene Situation oder gar mein eigenes Denken reflektieren und vielleicht -in sehr seltenen Fällen- zu einer neuen Erkenntnis gelangen. Dies kann Literatur also leisten. Sie ist immerzu unterhaltsam, wenn der Leser sich von ihr unterhalten lässt und gefällt hierdurch. Sie kann den Leser ergreifen und bewegen, wodurch das Lesen zu einen Erlebnis wird, und ganz darüber hinaus kann sie eine Reflexion des Daseins ermöglichen an dessen Ende eine neue Erkenntnis stehen kann.

Tja so viel dazu.«

Ich stellt die leere Tasse ab, die wieder in die Höhe gezogen wird und verschwindet. Dann fasst es sich an die Stirn, drückt sich leicht verkrampft ein Auge zu und fängt an leicht zu grinsen.

»Kunst also. Wie könnte ich das je vergessen? Am Anfang steht die Beobachtung des Irgendwas. Wir sind immerzu Beobachter, sehr sensible Beobachter im Beobachten. Wir können gar nicht anders. Irgendwas zwingt uns einfach dazu nie wegschauen zu können. Dieses Beobachten; warum schaltet es sich nie ab? Zu beobachten und zu beobachten, was man beobachtet. Zu verstehen, was beobachtet wird. Mitfühlen mit dem Beobachteten Irgendwas, mit unserer ganzen Sensibilität; es tut weh.«

Ich blättert eine Seite weiter und stößt erneut zerplatzende Bläschen aus.

»Hast du das hier schon gelesen?«

Ich reibt sich die Stirn.

»Wir haben schon viel zu viel gelesen.«

Ich schlägt die Zeitung zu und legt sie neben sich auf die Bank.

»Wir haben noch lange nicht genug gelesen, glaub mir. Beobachten sagst du. Uns entgeht nicht die kleinste Einzelheit, die literarisch von Bedeutung sein könnte. Nicht eine. Alles wird erfasst: Perspektiven, Motive, Ideen. Nichts entgeht uns. Irgendwann taucht alles wieder irgendwo niedergeschrieben auf.«

Ein leichter Wind weht durch den Raum. Irgendwo in der Ferne hat jemand einen kleinen Ventilator in Gang gesetzt. Ich und Ich sitzen da ruhig nebeneinander, sehen sich nicht an und starren auf die künstlichen Wellen. Dann schafft es Ich seine Stirn loszulassen und zieht seinen Kragen hoch. Es fröstelt leicht.

»Sie lesen unsere Texte und können es nicht verstehen, oder?«

»Nein, das werden sie nicht können, wie auch?«

Ich lehnt sich zurück und atmet einmal durch.

»Was verstehen die Leute vom Schreiben, wenn es nicht mechanisch ist? Gedankensplitter gleich wie Mosaiksteinchen formen sich zu Bildern und ganze Bilder zu Galerien. Ganze Filme spulen sich ab und entwickeln sich ungefragt zu Erzählungen. Und es werden immer mehr und mehr. Wer kann das Chaos unserer INNERwelten erahnen? Was während des Schreibens mit uns passiert?«

Ich tippt auf den knarrenden Boden und zieht vergnügt an seiner Pfeife.

»Wenn wir schreiben, sind wir allein, auch wenn wir von Menschen umgeben sind. Akzeptier das endlich.«

»Du weißt, was passiert, wenn wir dasitzen und schreiben. Du weißt um dieses Erleben der anderen Wirklichkeit. Wir begeben uns in eine andere Wirklichkeit ohne unsere eigene Wirklichkeit zu verlassen. Wir empfinden mit unseren Figuren mit der Erzählung. Ihr ganzes Schicksal, ihr Elend und Glück, ihre tiefsten Abgründe bleiben uns nicht verborgen. Schreiben, das ist bewusst träumen ohne zu träumen. Aber soll das gut sein? Es zerreißt uns die Seele hier und dort zu sein. In eine geschaffene Welt zu schauen und zugleich in unserer Eigenen bleiben zu müssen. Es zerrt, schmerzt, tut weh. Wie kannst du da so vergnügt bleiben?«

Ich legt seine Pfeife weg. Irgendwas nimmt sie und lässt sie in der Dunkelheit verschwinden. Es greift sich in seine Tasche und betrachtet eine Taschenuhr ohne Zeiger.

»Tja, das haben wir uns so ausgesucht, oder nicht? Außerdem ist uns das Schreiben so viel Schmerz wie Erfüllung zugleich.«

Leicht erschöpft nickt Ich.

»Vielleicht. Können wir denn anders? Können wir Leben ohne zu schreiben?«

Ich steckt seine Uhr wieder fort.

»Es ist zu spät wie immer. Nein, ich denke nicht. Wir empfinden mit den Texten, die wir schreiben. Das unterscheidet sie von den Mechanischen. Sie leben, sie atmen, sie haben eine Seele. Irgendwie erinnert unser Schreiben an das Malen. Am Anfang steht ein Entwurf und wir zeichnen eine Skizze auf. Lauter Skizzen. Bald setzen wir uns an die Arbeit und setzen gleich wie Pinselstriche unsere Sätze zusammen. Im Unterschied zum Malen entstehen unsere Bilder aber nicht auf Leinwänden, sondern in den Köpfen der Leser. Imagination ist das Zauberwort unserer Kunst«, Ich versucht nach seiner Pfeife zu greifen und tastet sich verstreut vor. »Äh, hast du meine Pfeife gesehen?«

Neben Ich schwebt an unsichtbaren Fäden eine zweite Pfeife hinab. Es greift danach und überreicht sie Ich.

»Keine Ahnung. Hier, nimm einfach die hier.«

»Oh, sehr aufmerksam, danke dir.«

Während Ich wieder an der anderen Pfeife zieht und Blasen zerplatzen lässt, verschränkt Ich seine Arme und starrt auf die künstlichen Wellen.

»Unser Schreiben ist also Kunst, doch als Künstler ist uns das Schreiben auch zugleich eine Passion. Ein Erlebnis, das Freude und Zufriedenheit mit dem Geschaffenen, aber auch Entbehrungen und tiefen Schmerz verursacht.«

Eine Blase zerplatzt laut.

»Was rauchst du da eigentlich?«

»Das? Ach, das sind nur triviale Träume.«

»Das Übliche also.«

»Und was glaubst du sind wir nun?«

»Erzähler, wir sind Geschichtenerzähler, Erzählkünstler von Geschichten, die es zu erzählen gilt. Ja, eigentlich nur Erzähler und nichts als Erzähler. Als Erzähler sind wir das Eigentliche des Eigentlichen und mehr nicht.«

»Hm, nun wir…«, Ich zieht noch einmal feste an der Pfeife. »… beobachten das Irgendwas in der Welt und haben unsere ganz eigene INNERwelt, die durch diese Beobachtungen Welten eröffnet. Diese Welten veranlassen uns immer wieder dazu zu Schreiben. Dies macht unser Schreiben als Kunst aus. Wir sind also beobachtende Erzähler unserer Welt, aber auch unsrer INNERwelt, was schon wieder für unser eigentliches Dasein als Erzähler spricht, weil unsere Formen nicht aus dieser, sondern aus unserer Welt stammen. Das Schreiben selber dann ist uns ein eigenes persönliches Erlebnis, das von Freude und Schmerz geprägt ist.«

Die künstlichen Wellen rauschen auf der Leinwand, während eine kühle Brise salzigen Meeresduft vorzutäuschen versucht. Ich und Ich starren lange Zeit ohne sich anzusehen auf die Wellen, während Ich weiter an seiner Pfeife zieht und genüsslich triviale Träume raucht. Nach einer Weile zerplatzt die letzte Seifenblase und die Träume sind aus. Ich nimmt die Pfeife aus dem Mund und wendet sich an Ich.

»So, nun sag schon. Wir haben uns hier getroffen und geklärt, was wir tun und was wir deswegen sein könnten, aber unsere Ausgangsfrage haben wir bislang nicht geklärt.«

Ich schweigt und starrt auf die Leinwand.

»Ich weiß, du hörst mir zu.«

Dann räuspert sich Ich.

»Ja, warum eigentlich Schreiben wir? Weil wir nicht anders können? Das hat einen guten Grund wie alles, was wir tun. Wir schreiben, weil wir wissen, dass wir nicht ewig leben werden. Mit dem Blick auf das Ende ist in uns der brennende Wunsch entflammt, dass Irgendwas Irgendwo Irgendwie von uns in dieser Welt bestehen bleibt. Wir haben uns nicht dazu entschieden in dieser Welt zu existieren. All die Beobachtungen. Wir leben in einer kranken, aber zugleich wundervollen und spannenden Welt, in der wir unseren Fußabdruck hinterlassen wollen. Das wollen wir tun indem wir erzählen und Erzählungen tradieren wie es auch schon viele vor uns getan haben, aber unsere Zeit ist jetzt, nicht vor uns und nicht nach uns.«

Ich wendet sich wieder von Ich ab und schaut auf die Wellen.

»So ist das also. Wir leben, weil wir schreiben und wir schreiben, weil wir sterben werden. Damit ist das Schreiben Ausdruck unseres Lebensgefühls, nicht wahr?«

Ich und Ich schweigen und starren noch ein wenig auf die Leinwand. Bald drauf erhebt sich Ich von der Bank und die Bank neben Ich ist verschwunden. Die Brise setzt aus, der salzige Duft erlischt, die Bank fährt mit samt der Laterne wieder in den Boden, die Wellen verlieren ihr Geräusch, die Leinwand wird matt, fährt wieder verschwindend in die Höhe und Ich steht alleine auf der alten Bühne im Nirgendwo. Langsam geht es los. Noch in der Ferne knarren irgendwo die Bretter unter seinen Schritten.

 

 

 

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