Prosa
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Display-Drops

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Fließend fließen die schwarzen Fäden das Türenfenster entlang. Sachte wankt der Wagen in den leichten Kurven. Das Licht flimmert ab und zu. Hier unten ist Licht alles, ohne versinkt alles nur in die Dunkelheit der Fäden. Monoton rattern die Ränder und quietschen in jeder kleinen Kurve, weil sie gegen die Schienen reiben. Unerträglich dieses Geräusch. Irgendwo ist ein Fenster offen. Warum eigentlich? Ein Geruch von alten Staub und Öl, ein Duft wie es ihn nur hier unten gibt. So duftet die Finsternis. Diese Schwärze. Sie schaut aus dem Fenster und ihre Augen folgen den schwarzen Fäden, als würde es hier etwas Besonderes zu sehen geben. Nein, nichts, zwischen den Fäden spiegelt sich einzig ihr Angesicht. Sie steht an einer Tür und lehnt sich gegen eine Trennwand ohne sich festzuhalten. Der fahrende Wagen drückt sie sachte mit dem Rücken gegen die Wand und hält sie fest. In Gedanken hat sie vergessen, dass in ihren Ohren Stöpsel stecken und sie mit ihrer Lieblingsmusik direkt aus ihrem Phone versorgen. Eines hört sich an wie das andere, nur klingen muss es. Sie winkelt das rechte Knie an und setzt ihren Stiefel gegen die Trennwand. Das Bein zittert. Wie lange dauert so eine Fahrt durch die Finsternis? Von Licht zu Licht? Bald wird der Zug wieder einfahren, die schwarzen Fäden werden verschwinden und der Geruch der Finsternis sich verziehen, bald.

In ihrer Nähe sitzt der desinteressierte Mann, der an allem desinteressiert ist, sich das aber selber nicht eingestehen kann. Darum versucht er die Zeitung zu lesen, die er weit und provokant aufgeschlagen hat. Aber selbst für das Lesen ist er zu desinteressiert. Gut das diese Zeitung hier mehr Bilder als Text beinhaltet, so kann er, selbst für die Bilder desinteressiert, wenigstens nur die Bilder lesen. Er atmet wie in Not schnaubend vor sich hin und betrachtet die Bilder, als wäre er in der Lage sie zu verstehen. Laut knisternd blättert er die Zeitung um, damit auch jeder hier hört und sieht: er ist der interessierte Zeitungsleser; weiß doch jeder hier unten, dass er an allem desinteressiert ist, nur nicht an sich selbst.

Weit weg von dem Knistern der Zeitung sitzt eine Frau tief in sich versunken gebeugt über ein Buch und liest. Völlig versunken in Gedanken merkt sie nicht mal wie sie die Seiten umblättert und weiterliest. Sie ist woanders, in einer Anderswelt und wird erst wieder auftauchen, wenn das Licht am Ende der Finsternis sie wachrüttelt.

Ihr gegenüber sitzt der starrende Mann. Niemand weiß, warum er das tut, aber er starrt vor sich hin, sobald er Platz genommen hat. Meist so das er bloß niemanden in die Augen schaut. So starrt der starrende Mann manchmal auf wirklich besondere Objekte, die hier unten zu finden sind. Auf die Reklameschilder, die hier alle Trennwände und Fenster zieren, auf die Schuhe der Person eine Sitzgruppe weiter oder einfach an die Decke. Warum er kein Buch liest, keine Zeitung dabei hat oder einfach auf seine Uhr starrt, bleiben offene Fragen; er starrt einfach und starrt. Von seiner Sorte sitzen gerade lauter andere Personen im Wagen und starren irgendwo hin, nur nicht auf die schwarzen Fäden. Niemand starrt auf die schwarzen Fäden; das wäre nicht gut.

Unweit einer starrenden Person, die sich schon seit Minuten die kurze Reklame für eine Zahnarztpraxis anstarrt, hockt die unruhige Frau. Sie ist wie immer beunruhigt und nervös. Immer wieder zupft sie an ihren Fingern und tippt leicht den Takt der Musik mit, der aus den fernen Ohrstöpseln kaum bis zu ihr durchdringen kann. Es muss Zufall sein. Sie starrt nicht, sie schaut; schaut jeden hier immer wieder kurz an, was sie aber immer mehr beunruhigt und so zupft sie, zittert sie, tippt sie, atmet sie leise schnappend, bis sie irgendwann aussteigen wird.

Ein Mann sitzt da und redet laut gegen das Quietschen und Rattern an; der Mann, den alle belauschen wollen, aber nicht können, denn er redet in einer Sprache, die niemand versteht. Darum werfen ihm selbst die Starrer manchmal einen kurzen Blick zu. Dieser Mann, der stört. Hier unten gehen Telefonate schließlich alle etwas an.

Sie aber hört kaum etwas von dem Mann, interessiert sich nicht für die anderen, auch wenn sie nicht desinteressiert ist und hört nicht mal mehr ihrer eigenen Musik zu. Ihr tiefer Blick dringt in die Fäden vor. Nachdenklich zupft sie ihre Haare, so lang und schwarz wie diese Fäden. Wieder setzt kurz das Licht aus und flackert wieder auf. Sie starrt in die Augen ihres Angesichts. Das ist sie? Ein Kribbeln durfließt ihren Körper. Wie scheußlich, was für eine hässliche Kreatur. Der Kiefer presst sich feste zusammen und das ganze Gesicht verkrampft. Wann endlich? Wann? Warum so lange? Mit abgekauten Fingern fährt sie über das Phone und sucht, sucht wonach eigentlich? Nur etwas Zeit, etwas mehr Zeit. Warum jetzt? Der Wagen fährt plötzlich scharf in die Kurve und schleudert sie fast von der Trennwand. Das stört sie kaum. Wie in Trance, starrt sie weiter auf ihr Phone und fährt mit ihren zittrigen Fingern über das Display. Dann Piepst es einmal fast geräuschlos, doch sie hört es in ihren Ohren ganz deutlich. Da steht es:

»Es ist vorbei.«

Das Phone erlischt und die Hand lässt es zittrig sinken. Zwei Tränen tropfen auf das schwarze Display.

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