Prosa
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Der Bücherturm

buechertrum

In einer Bibliothek   geht ein Mann auf einen anderen zu und meint:

»Hallo allerseits, was treiben Sie denn da für einen Unfug ?«

Der Mann hat nicht umsonst gefragt, denn der andere Mann baut gerade mit Hilfe von Lexiken einen Turm.

»Wieso Unfug?«

Beide Männer starren sich verdutzt an.

Der etwas verwirrte Mann meint: »Selbstverständlich ist es Unfug als erwachsener Mann noch einen solchen Blödsinn zu machen. Sehen Sie sich doch an: Sitzen hier und stapeln Bücher.«

Der verspielte Mann erwidert gelassen-ruhig: » Ja, das kann schon sein, aber was stört es Sie, wenn ich Bücher staple?«

»Wieso mich das stört?, das fragen sie seltsamer Vogel noch? Ich störe mich an alles und jeden, und Bücher enthalten Wissen, das Sie lesen sollten und sind nicht dazu da, damit sie Türme daraus stapeln können.«

Der andere Mann hat anscheinend jedes Wort gehört, aber stapelt ohne den bereits wütenden Mann zu betrachten weiter. Er stapelt immer schneller und mit immer mehr Freude die Bücher übereinander. Bald fängt der Turm an zu wackeln und der wütende Mann wird langsam nervös.

»Sagen Sie mal, haben Sie mir überhaupt zugehört? Was für einen Einfall haben Sie denn eigentlich gehabt, das hier zu starten? Sie hören mir doch überhaupt nicht zu!«

»Doch.«

»Ja wunderbar, dann werden Sie bestimmt nichts dagegen haben endlich aufzuhören diese Bücher zu stapeln und sie stattdessen zu lesen.«

»Warum?«

Der Mann stapelt sicher weiter und der Turm wächst und wächst.

»Warum sie aufhören sollen diese Bücher zu stapeln? Sie sollen aufhören, weil der Turm, den Sie da bauen, immer heftiger wackelt!«

»Tatsächlich. Tut er das? Dann werde ich gleich weiter stapeln.«

Der Mann macht sich nun weiter an die Arbeit, genauso gelassen und fröhlich wie er begonnen hat.

» Sie sind wohl aus der Irrenanstalt geflohen. Was für ein Mensch sind Sie überhaupt?«

»Ich?«, fragt der leicht verrückte Mann genauso gelassen wie zuvor.

» Ja, Sie. Was für ein Mensch sind Sie eigentlich?«

»Nun ich arbeite jeden Tag daran wieder ein Anderer zu sein.«

»Wie Bitte?«

»Ja, gestern noch war ich ein Ignorant und vorgestern ein Frommer«, antwortet der Mann und stapelt fleißig weiter.

Der andere Mann starrt den verwirrt scheinenden Mann sehr verblüfft an.

»Und was sind sie heute für eine Figur?«

»Nun, heute bin ich der Intellektuelle«.

Während der Mann immer weiter stapelt sieht ihn der andere immer hilfloser an.

»Und da machen Sie einen solchen Unfug oder wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«

»Wie meinen Sie das?«

Der Turm wackelt immer stärker und stärker. Schließlich stürzt er polternd über die beiden ein.

Der vorher sehr verblüffte Mann ist nun rasend vor Wut: »Das haben Sie ja wunderbar hingekriegt!«

»Ja das finde ich auch!«, jubelt der Mann nun aus sich raus.

Der andere fragt ganz verdutzt: »Was denn? Sie wollten, dass der Bücherturm einstürzt?«

»Ja, das habe ich von Anfang an vorgehabt.«

„Aber warum denn?“

»Was fragen Sie denn so dumm?«

»Wie?«

»Es müsste Ihnen doch klar sein, dass dies hier ein Experiment war.«

»Nein, und wozu sollte das denn gut sein? Etwa wie es sich anfühlt, wenn 1000 verschiedene Bücher auf mich fallen?«, fragt der dumm fragende Mann mit leichtem Spott.

»Nein, die Bücher stehen für das Wissen, das ein Mensch in seinem Leben ansammelt, der wackelnde Turm für sein Alter und sein Leben selbst und der Einsturz steht dafür, dass das gesammelte Wissen eines Menschen zusammen mit dem Menschen vergänglich ist.«

Plötzlich schwer interessiert sagt der Mann: »Das ist wirklich sehr interessant. Wie in aller Welt sind Sie nur darauf gekommen ein solches Experiment durchzuführen?«

Der Intellektuelle antwortet: »Ich habe ein Buch gelesen«.

 

1 Kommentare

  1. Daniel sagt

    Der Originaltext ist vor etwa 10 Jahren entstanden und bis heute fast verschollen. Die allererste Fassung, die in wenigen Minuten als Anlass eines Schreibwettbewerbs entstanden ist, existiert nicht mehr. Zeitweise war der Text Bestandteil eines vor etwa 9 Jahren verfassten Stücks, das auch fast vernichtet worden wär, jedoch noch irgendwie in den Archiven schlummert. Ich habe nur geringfügige Änderungen vorgenommen. Im Wesentlichen entspricht der Text also noch immer dem Original.

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